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Krus, D.J. (1999) Die Harte des Strafvollzugs: Entbindung in Ketten. Zeitschrift fur Sozialpsychologie und Gruppendynamik in Wirtschaft und Gesellschaft, 24Jg/Heft 4, S.12-16.

Die Härte des Strafvollzugs: Entbindung in Ketten
David J. Krus
Arizona State University

Resume: Die Reaktionen von Personen auf das Bild einer Schwarzen, die in einem Gefängnis in den USA in Ketten ein Kind zur Welt brachte, wurden hinsichtlich ihrer Bestrafungsbereitschaft analysiert. Die Ergebnisse wurden im Kontext der wachsenden Bestrafungsbereitschaft der heutigen Gesellschaft diskutiert, die sich in drastisch steigenden Zahlen von inhaftierten Personen und der rapide zunehmenden Härte der Behandlung von Gefangenen widerspiegelt.

Eine Welle von Puritanismus überschwemmt die Vereinigten Staaten, und harte Strafen fordernde Stimmen sind immer häufiger zu hören. Nach einer Hinrichtung mit Giftspritze beklagen sich die Zuschauer, daß der Häftling zu friedlich gestorben sei und daß er mehr hätte leiden sollen. Eine kürzlich erfolgte Hinrichtung mit einem defekten elektrischen Stuhl, die die verlängerte Todesagony intensivierte, wurde vom Gouverneur von Florida zustimmend kommentiert als ein willkommenes Mittel, den Präventivwert der Todesstrafe zu erhöhen. Häftlinge in Ketten auf den Straßen - in den vierziger Jahren abgeschafft - sind wieder zu sehen. Temperaturen von über 160°F (~55°C) in Arizonas Zeltlagergefängnis werden als eine neue Abschreckung gegen Strafrückfälligkeit begrüßt. Einzelhaft wird häufiger und für längere Zeiten angewandt. Immer mehr Jugendliche und Kinder werden wie Erwachsene behandelt und bestraft. Und die Gefängnisbelegung steigt dramatisch an. In den letzten drei Jahrzehnten ist die Anzahl der inhaftierten Personen von etwa 200.000 auf mehr als 2.000.000 angestiegen (Bureau of Justice Statistics 1997).
Harte Bestrafung, wie Schläge, längerer Schlafentzug, Sinnesberaubung, In­kettenlegen, wird den Gefangenen oft auferlegt. Obwohl schon im Römischen Rich um etwa 240 v. Ch. abgeschafft, wurde die Folter im Mittelalter wieder eingeführt. Im Zeitalter der Aufklärung formierte sich eine Bewegung zur Abschaffung der Folter, die sich im 19. Jahrhundert fortsetzte. Im Laufe des 20. Jahrhunderts erlebte jedoch die grausame Behandlung von Gefangenen in der ganzen Welt eine neue Blüte, und sie taucht - obwohl nicht legal - auch wieder in den Vereinigten Staaten auf. Mit dem Ziel, einige Aspekte dieser sich abzeichnen­den Bewegung zur Sanktionierung der harten Behandlung von Gefangenen zu erfassen, haben wir die in dieser Arbeit beschriebene Studie durchgeführt.

Probanden

Die Gruppe der befragten Probanden bestand aus 74 Studenten, darunter 47 weibliche und 27 männliche, die alle für das Fach Methodologie der Sozial­wissenschaften an der Arizona State University eingeschrieben sind. Das Durchschnittsalter der Befragten lag bei 33 Jahren (SD=9.27).

Methode

"Sie beförderten sie in ein Krankenhaus in Anchorage, Alaska, mit Handschellen an den Handgelenken und Fesseln an den Füssen. In diesem Zustand quälte sich die Frau durch die Wehen." So lautet die Unterschrift zu einem Bild (Atwood, 1998, S. 66-67), das eine Schwarze in Ketten bei der Entbindung während ihrer Haftzeit im Staatsgefängnis der USA zeigt. Dieses Bild wurde den in die Studie einbezogenen Probanden gezeigt, die zitierte Bildunterschrift wurde ihnen vorgelesen und die Probanden wurden dann gebeten, ihr Alter, ihr Geschlecht und ihre Eindrücke von diesem Bild aufzuschreiben.

Ergebnisse

Die Antworten der Befragten wurden im Computer erfaßt und die Häufigkeit der Wörter gezählt. Die Anworten ließen sich in die vier unten aufgeführten Kategorien klassifizieren. Die Kategorien 'gerechtfertigt', 'übertrieben', 'inhuman' und 'barbarisch' beschreiben die Hauptaussagen der Probanden in bezug auf die Fesselung der Gefangenen während der Entbindung. Diese Kategorien bilden ein Kontinuum entsprechend Bild 1.


Bild 1: Verteilung der Bestrafungsbereitschaft, ermittelt aus den
Antworten von Befragten auf das Bild einer Schwarzen in Ketten
bei der Entbindung in einem amerikanischen Staatsgefängnis.

Die o.g. Kategorien sollen im folgenden anhand charakteristischer Aussagen der Befragten näher erläutert werden.

A. Gerechtfertigt
39 % der Befragten befürworteten die Fesselung der Frau. Repräsentative Aussagen aus dieser Gruppe lauteten:
"Die Frau ist im Gefängnis. Es ist mehr als wahrscheinlich, daß sie dort aus gutem Grunde ist. Sie ist eine Kriminelle, die gegen unsere Gesetze verstoßen hat; wenn sie sich in unserer Welt unzivilisiert benommen hat, kann sie nicht erwarten, von eben dieser Welt zivilisiert behandelt zu werden." (männlich, 30 Jahre)
"Die Behörde, die sie in Arrest genommen hat - wenn das denn wirklich der Fall ist - hat diese Inhaftierung als die einzig richtige Maßnahme angesehen. Ich glaube, daß Kriminelle in diesem Land eine Menge Rechte haben, und das finde ich überhaupt nicht gut. Es sollten vielmehr die Opfer sein, die Rechte haben (weiblich, 26 Jahre).
"Diese Frau hat ihre Wahl getroffen und erntet nun die Konsequenzen". (weiblich, 50 Jahre)
"Sie hat ein Verbrechen begangen - sie muß nun die Konsequenzen tragen." (weiblich, 27 Jahre)
"Wenn ein Mensch gefesselt wird, hat das einen Grund." (weiblich, 27 Jahre)
"Sie hat zweifellos etwas Schlimmes getan." (männlich, 25 Jahre)
"Sie kriegt, was sie verdient." (weiblich, 24 Jahre)
"Wenn sie wegen Kindesmißhandlung im Gefängnis ist, muß man sie fesseln, damit sie das Baby nicht verletzen kann." (weiblich, 26 Jahre).

B. Übertrieben
26 % der Befragten äußerten Meinungen in der Richtung, daß eine derartige Behandlung einer Frau während der Entbindung übertrieben und unnötig sei. Ihre Äußerungen lassen sich wie folgt darstellen:
 "Ich denke, daß Handschellen während der Entbindung unnötig sind." (weiblich, 27 Jahre)
 "Ich fühle mich etwas unwohl beim Ansehen dieses Bildes." (weiblich, 28 Jahre)
 "Es erscheint übertrieben, sie gefesselt zu halten, wo sie ganz offensichtlich nicht davonlaufen kann." (weiblich, 37 Jahre alt)
 "Es gibt andere Mittel, um für diesen Fall Sicherheit zu gewährleisten." (weiblich, 30 Jahre)
"Man sollte sie an einem Handgelenk an einer Bettseite anketten." (weiblich 37 Jahre)
"Andere Optionen hätten angewandt werden sollen." (weiblich, 43 Jahre)
"Ich kann nicht sehen, daß es irgendetwas bewirkt, die Frau in Handschellen zu halten." (weiblich 22 Jahre)

C. Inhuman
22% der Befragten betrachteten diese Behandlung einer Frau während einer Entbindung als hart und inhuman. Repäsentative Antworten aus dieser Gruppe lauten:
"Das ist eine sehr unmenschliche Behandlung." (männlich, 32 Jahre)
"Selbst wenn sie ein Verbrechen begangen hat, muß sie doch als menschliches Wesen behandelt werden." (männlich, 31 Jahre)
"Ich halte es für einen traurigen Zustand der Menschlichkeit, wenn eine Frau ein Kind nicht mit einer gewissen menschlichen Würde zur Welt bringen darf." (weiblich, 26 Jahre)
"Diese Frau während der Entbindung zu fesseln ist ein unmenschlicher Akt." (männlich, 32 Jahre)

D. Barbarisch
13 % der Befragten äußerten starkes Mißfallen. Ihre Meinungen lassen sich wie folgt darstellen:
 "Der Platz auf diesem Stück Papier reicht nicht aus, um darzulegen, wie total schockiert ich über die barbarische Behandlung dieses Individuums bin. Wie können die USA andere Länder der Menschenrechtsverletzung anklagen, wenn wir unsere eigenen Bürger so grausam bestrafen?" (männlich, 30 Jahre)
 "Das ist total unmenschlich und irrsinnig - nicht nur für die Leute, die es getan haben, sondern auch für die ganze Nation, in der das stattfinden konnte." (männlich, 24 Jahre)
 "Das Bild zeigt einen Akt der Grausamkeit." (männlich, 25 Jahre)
 "Dieses Bild macht mich krank." (weiblich, 37 Jahre)
 "Die Darstellung, daß eine Frau in den Wehen ein Sicherheitsrisiko für andere ist und in Handschellen und Fußfesseln gehalten werden muß, ist barbarisch. Das Bild auf dem Photo verletzt meine Würde ebenso, wie die Frau ihrer Würde entkleidet wird." (weiblich, 45 Jahre)
 Diesen Äußerungen ist wenig hinzuzufügen. Sie reflektieren die geistige Landschaft des heutigen Amerika.

Diskussion

Zahlreiche Studien zur Bestrafungsbereitschaft zeigen, daß dieses Persönlichkeits­merkmal mit religiösem Fundamentalismus und politischer Rechtsausrichtung zusammenhängt und Normalverteilung aufweist. Die Verteilung der Bestrafungsbereitschaft, die aus den Reaktionen der Probanden auf das Bild einer gefesselten Schwarzen bei der Entbindung in einem amerikanischen Staatsgefängnis (Bild 1) ermittelt wurde, fällt merklich ab. Der beobachtete Anstieg dieser Verteilung zu ihrem "schweren" Ende zeigt an, daß mehr Menschen schwere Formen der Bestrafung favorisieren, als normalerweise erwartet. Diese Schlußfolgerung wird gestützt durch die hohe Rate von Inhaftierungen in den USA, die 6 bis 10 mal höher liegt als in den meisten Industriestaaten (s. Krus, 1994).

In diesem Zusammenhang sei auf den Essay on Crimes and Punishments von Cesare Beccaria (1764) verwiesen, ein Buch über die Verbrechensjustiz, das höchst zu denken gibt. Beccaria dokumentiert den Zusammenhang zwischen der Brutalisierung der Gesellschaft und ihrer Befürwortung harter Bestrafung, und er setzt sich dafür ein, daß sowohl der Umfang der polizeilichen Aktivitäten als auch die Länge der Einkerkerung nicht das Maß dessen überschreiten soll, was zum Aufrechterhalten der öffentlichen Ordnung notwendig ist.

Literatur
Atwood, J.E. (1998): (Frauen hinter Gittern). Life Magazine, Spring 1998. S. 66-67
Beccaria, C. (1809): (Ein Essay über Verbrechen und Bestrafung). New York: Gould & Van Winkle. Originalausgabe 1764.
Bureau of Justice Statistics (1997): (Die nationale Population in Gefängnissen und Zuchthäusern). Washington, D.C. Justizministerium der USA
Krus, D.J. (1994): Haufigkeiten von Inhaftierungen im internationalen Vergleich: Analyse einiger Zusammenhange. Zeitschrift fur Sozialpsychologie und Gruppendynamik in Wirtschaft und Gesellschaft, 19.Jg./Heft 3, S. 9-19.