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Krus, D. J. & Webb, J. M. (2001) Fur oder gegen ein militarisches Eingreifen: Ist die Einstellung zum Krieg eine Variable der Gesinnung oder des sitationsbedingten Gemutszustands? Zeitschrift fur Sozialpsychologie und Gruppendynamik in Wirtschaft und Gesellschaft. 26.Jg. Heft 2, 3-8.

Für oder Gegen ein militärisches Eingreifen:
Ist die Einstellung zum Krieg eine Variable der Gesinnung
oder des sitationsbedingten Gemütszustands?


David J. Krus
Arizona State University
und
James M. Webb
Kent State University

 
Summary.- Die Zeitung Max / Zogby stellte in einer Umfrage 1.155 Amerikanern folgende Frage: “ Wenn Staaten wie das Kosovo, Südkorea, Kuwait, Taiwan und Israel angegriffen werden, sollten die USA ihnen militärische Hilfe bei der Verteidigung leisten, auch wenn dies amerikanische Soldaten das Leben kosten könnte?” Die Ergebnisse dieser Befragung wurden analysiert and dazu benutzt, um die Umstände zu bewerten, unter denen die Einstellung zum Krieg dispositionell, d.h eine Frage der Gesinnung zu sein scheint, und in welchem Grade sie eine Variable des situationsbedingten Gemütszustands ist.
 

Ein seit langer Zeit anstehendes Problem in der Psychologie ist die Kontroverse darüber , wann Variable als Gesinnung (trait), Gemütszustand (state) oder als Wechselwirkung von Gesinnung und Gemütszustand zu charakterisieren sind. (Allport, 1966; Endler & Magnusson, 1976). In Bezug auf den Militarismus, d.h. Befürwortung der Idee, daß die Anwendung militärischer Gewalt ein akzeptables Mittel zur Konfliklösung ist, stellt sich die Frage, ob Militarismus ein Gemütszustand ist – eine Reaktion auf eine Reihe von Umständen, die mit einer Gesinnung in Wechselwirkung steht – oder ob es sich beim Militarismus um eine Gesinnung handelt, die von den Leuten überwiegend geäußert wird. Es könnte eingewandt werden, daß Äußerungen in Bezug auf die Einstellung zu Krieg und Frieden situationsabhängig sind; die Menschen können durchaus das eine oder andere bevorzugen und zwar in Abhängigkeit davon, ob sie den Krieg mit der Aussicht auf Veränderung des Status quo oder den Frieden mit der Aussicht auf Bewahrung des Status quo als für ihre eigenen Kernwerte günstig bzw. bedrohlich empfinden. Dieser Hypothese 'Gemütszustand' steht die Hypothese 'Gesinnung' gegenüber, die davon ausgeht, daß die Menschen dazu neigen, einen Krieg als patriotisch und ethnozentrisch zu befürworten, ihre politischen und religösen Werte darauf ausrichten, empfänglich sind für die Gründe der Regierung, einen Krieg anzufangen, und nicht willens, andere Seiten einer Sache in Betracht zu ziehen. Gegenstand dieses Beitrags ist es einzuschätzen, in welchem Grade Militarismus eine Variable der charakterlichen Disposition und in welchem Grade er eine situationsabhängige Variable ist.

Probanden und Methode

Eine Umfrage der Zeitung Max / Zogby (1. März 2000) stellte 1.155 Amerikanern die Frage: “ “ Wenn Staaten wie das Kosovo, Südkorea, Kuwait, Taiwan und Israel angegriffen werden, sollten die USA ihnen militärische Hilfe bei der Verteidigung leisten, auch wenn dies amerikanische Soldaten das Leben kosten könnte?” Der Anteil weiblicher und männlicher Umfrageteilnehmer war etwa gleich und die statistische Fehlergrenze dieser Befragung lag bei +/- 3%.

Ergebnisse

Betrachtet man den mittleren Wert der Befürworter eines militärischen Eingreifens der USA, können die in der Umfrage genannten Staaten in zwei Gruppen zusammengefaßt werden. Eine Gruppe bilden das Kosovo, Südkorea, Kuwait, Taiwan (erste Gruppe) die andere Gruppe bildet Israel (einziges Mitglied der Gruppe). Das Mittel für die erste Gruppe beträgt 29%, das Mittel für Israel liegt bei 41%. Die durchschnittliche prozentuale Differenz zwischen Staaten der ersten Gruppe ist vernachlässigbar gegenüber den 12% Differenz zwischen dem Mittel der ersten Gruppe und dem mittleren Wert der Befürworter eines Krieges im Falle Israels. Demzufolge erscheint die Einstellung zum Krieg konsistent, ausgenommen in Bezug auf Israel.

Bild 1: Befürwortung eines militärischen Eingreifens der USA zur Verteidigung von Staaten,
für die die USA Schutzmacht sind, durch alle Befragten (Rechtecke), und durch
Umfrage-teilnehmer, die sich selbst als “wiedergeborene Christen” bezeichnen (Dreiecke).

Die Differenz zwischen den Staaten der Gruppe 1 und Israel war am größten für Befragte, die sich selbst als “wiedergeborene Christen” bezeichneten, wobei 30% der Befragten dieser Kategorie eine militärische Intervention im Fall von Kosovo, Kuwait, Taiwan und Korea und 56% im Fall von Israel befürworteten. Dies war die grösste beobachtete Differenz (26%), wie in Bild 1 dargestellt.
Aus den anderen Kategorien der Befragten, tendierten die Männer (34%) stärker als die Frauen (28%) für einen Krieg, und mehr Republikaner (35%) waren für einen Krieg als Demokraten (29%), in beide Kategorien beträgt der Abstand etwa 6%. Die Differenz bei Befragten mit Grundschul- und High–School-Bildung (23%) sowie Befragten mit Collegeabschluß und postgradualer Bildung (31%) lag bei 8%, die zwischen Hispanos-Weißen (36%) und Asiaten-Schwarzen (24%) bei etwa 12%. Alle aufgeführten Unterschiede sind von statistischer Relevanz.

Diskussion

Die militanteste Gruppe innerhalb der in dieser Befragung identifizierten Kategorien waren Personen, die fundamentalistischen Versionen des christlichen Glaubens anhängen. Eine Mehrheit von ihnen bejaht einen militärischen Konflikt im Falle Israels. Diejenigen Ergebnisse der Zeitungsumfrage von Max / Zogby, die sich auf den Zusammenhang zwischen fundamentalistischem Christentum und der Bejahung eines militärischen Konflikts im Mittleren Osten beziehen, sind mit einer Befragung vergleichbar, die 1984 von Yankelovich durchgeführt wurde. Diese Befragung wurde eingehend von Halsell (1986) diskutiert, der sich mit den Zusammenhängen zwischen religiösem Dispensationalismus (dispensationalism) und der Wahrscheinlichkeit eines Atomkrieges im Mittleren Osten befaßt. Den Eifer fundamentalistischer Christen beschreibt vielleicht am besten Marc Ellis (1997), einer der profundesten zeitgenössischen jüdischen Theologen.2
Die Ergebnisse der News Max / Zogby Umfrage sind auch vergleichbar mit unseren früheren Ermittlungen (Krus and Webb, 1993) bezüglich der Analyse der Abstimmung im Congress, die Präsident Bush ermächtigte, 1991 den Waffengang gegen den Irak zu unternehmen (was wenn nicht vollständig im Namen von Israel, so doch definitiv als nicht gegen israelische Interessen gerichtet betrachtet wurde). In Bezug auf die untersuchten religiösen Kategorien (Krus - Webb / News Max - Zogby), betrugen die Prozentsätze der Pro-Kriegs-Stimmen kurz vor Ausbruch des Irakkrieges für Katholiken 41/37, für Juden 49/51 und für fundamentalistische Religionen 64/56. Diese Prozentzahlen zeigen bemerkenswerte Übereinstimmung.
Die Hauptfrage, die wir uns während der Auswertung der Max / Zogby Umfrage stellten, lautete: In welchem Grade ist die Einstellung zum Krieg eine Variable der Gesinnung und in welchem Grade eine situationsabhängige Variable? Die verfügbaren Beweise legen nahe, dass etwa 30 Prozent der Amerikaner den Krieg aus Gründen befürworten, die wahrscheinlich in die Kategorie “Gesinnung” fallen. Für Länder, in denen Glaubensfragen auf dem Spiel stehen, kann der Faktor Religion die Unterstützung für eine militärische Lösung des Konflikts in die Nähe der entscheidenden 50 % treiben. Die Unterstützung für einen laufenden Krieg kann durch situative Faktoren etwa 85-95 Prozent erreichen (wie gegen Ende des Irakkrieges 1991). Etwa 5 bis 15 Prozent der Menschen sind gegen jeden Krieg. So ändert sich die Einstellung zum Krieg entlang des Kontinuum Krieg-Frieden wahrscheinlich von einer dispositionellen Pro-Krieg Gesinnung zu einer Variablen des von den Umständen abhängigen Gemütszustands (circumstantial state variable), und zum anderen Ende des Kontinuum von einem situationsabhängigen Gemütszustand (circumstational state variable) in eine wiederum dispositionelle Antikriegsgesinnung, wobei die Segmente in diesem Kontinuum bei etwa 30% - 60% - 10% der Bevölkerung liegen.
Bei Abwesenheit äusserer Kräfte dürfte der natürliche Zustand des diskutierten Krieg-Frieden-Kontinuum symmetrisch sein und nicht, wie hier beobachtet, in die Pro-Krieg-Richtung verschoben,. Wenn Entscheidungen in Hinblick auf Krieg oder Frieden getroffen werden müssen und wenn situative Faktoren als relevant für religiöse Fragen interpretiert werden können, kann der religiöse Faktor im Zusammenhang mit Religionen, die zwar über strenge kategorische Imperative gegen das Töten durch Einzelne (Mord) verfügen mögen aber keine effektiven Abschreckungsmittel gegen das von der Gesellschaft geförderte Töten haben, die Balance der Kurve in Richtung der Pro-Krieg-Seite entscheidend verwerfen.3 In der neuen unipolaren Welt, in der das Kräftegleichgewicht fehlt, das in der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts für relativen Frieden gesorgt hat, gewinnen mögliche Fragen in Bezug auf das Krieg-Frieden-Kontinuum neue Dringlichkeit und sollten in der Sozialforschung an vorderster Front stehen.
 
Literatur
Allport, G.w.. (1966) Traits revisited. American Psychologist, 21, 1-10.
Ellis, M.H. (1997) Unholy alliance: religion and atrocity in our time. Minneapolis: Fortress Press.
Endler, N.S. & Magnusson, D. (1976) Personality and person by situation interactions. In Endler, N.S. & Magnusson, D., (Eds). (1976) Interactional Psychology and Personality. New York: Halsted-Wiley.
Halsell, G. (1986) Prophecy and politics: militant evangelists on the road to nuclear war. Westport, Connecticut: Lawrence Hill.
Krus, D.J. & Webb, J.M. (1993) Quantification of Santayana's cultural schism theory. Psychological Reports, 72, 319-325.
News Max / Zogby (2000) Poll: U.S. Shouldn’t Defend Taiwan, Israel, South Korea. March 1, 2000: www.NewsMax.com
Wiesel, E. (1985, Vol. 1, p.33) in Abrahamson, (Ed.) Against Silence: The Voice and Vision of Elie Wiesel. New York: Holocaust Library.
 
Fussnoten

Kontaktadresse: David J. Krus, Department of Measurement, Statistics, and Methodological Studies, Arizona State University, Tempe, AZ 85226-0611.
 
Im Zusammenhang mit Eli Wiesels (Nobelpreisträger 1986) Untersuchung zur gleichmacherischen Verallgemeinerung, die dem Holocaust zugrunde liegt (‘Alle Mörder waren Christen.” Wiesel, 1985, S. 33), kann das Paradoxon der unbedingten Unterstützung für Israel (die unter fundamentalistischen Christen höher ist als in der jüdischen Bevölkerung), wie folgt erklärt werden:
Das Christentum, das dem Judaismus aufgepfropft ist, definiert Jesus Christus häufig primär als Gott und nur zufällig als Juden, der von den Juden umgebracht wurde. Diese Art der Überlegung führt zum Antisemitismus. Eine andere Art der Überlegung ist hingegen, dass Jesus Christus in erster Linie Jude war und dass die Juden das auserwählte Volk sind, eine Überlegung, die zum Philosemitismus führt. Die gegenwärtig vorherrschende Strömung des Philosemitismus innerhalb der Christenheit ist der christlichen Verstrickung in den Holocaust geschuldet. Zitat nach Ellis (1997, S. 51) “Wenn es auch möglich scheint, eine christliche Zukunft zu entwerfen, die die Todeslager hinter sich läßt, so ist es schwer, wenn nicht gar unmöglich, sich eine positive Ausdrucksform des Christentums mit den Todeslagern, die es in seiner Mitte errichten half, vorzustellen. Was stattdessen passiert, ist der Versuch christlicher Theologen, den Holocaust als Möglichkeit der Umgehung der ‘End’-Bedingung des christlichen Glaubens zu benutzen. Wenn der Holocaust die Dämonisierung der Juden symbolisiert und damit die Entfremdung der Christenheit von ihrem Ursprung repräsentiert, so kann durch die Wiedereinsetzung der Schönheit des jüdischen Glaubens und durch Anerkennung der Tatsache, daß Israel auserwählt ist und die Heiden auf diese Auserwähltheit aufgepfropft sind, die Geschichte des Christentums eingestanden und über Bord geworfen werden. Indem die Juden als das authentische Volk und die Christen selbst nur als das sekundäre, aufgepfropfte Volk angesehen werden, kommt man dazu, die Geschichte des Triumphes als abartig zu betrachten, als Irrweg, der jetzt als solcher erkannt wird.”
 
Da die religiösen Faktoren für die Bildung von Wertesystemen ausschlaggebend sind, kann man sich die Alternativen zu den Hauptreligionen anschauen, solche Systeme, die gegen gruppengeförderte Gewalt Barrieren errichten: die östlichen Religionen und Philosophien wie die Lehre des Konfuzius, der Buddhismus und der Hinduismus, die modernen Schwarz- und Lateinamerikanischen Befreiungstheologien von James H. Cone und Gustavo Gutierrez, oder auch säkulare Wertesysteme, wie sie am besten durch Noam Chomsky repräsentiert werden. Im Rahmen dieser Opposition gegen eine Moral, die die Vernichtung zivilisierter Populationen ohne Bestrafung durch höhere Mächte zuläßt, stellt Marc Ellis die Frage, ob es “nach Tausenden Jahren des Judaismus und des Christentums Teil unserer Glaubenstreue geworden ist, diesen Religionen den Rücken zu kehren, zumindest dann, wenn wir sie kennen? Indem wir das tun, sondieren wir die Wahrheiten, die in Opposition zu den alten und neuen religiösen Sichtweisen stehen, was zu Fehlern aber auch zu der Hoffnung führt, daß wir die Kraft finden könnten, eine Welt ohne Barbarei zu schaffen.” (Ellis, 1997, p. xvii) .